Grundsatzpapier

Gemeinschaft Spörgelhof – Grundsatzpapier
Präambel
Der Spörgelhof ist eine Gemeinschaft von Menschen (Gärnter/innen und Stadtmitgliedern), die sich mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln versorgen wollen. Es handelt sich um eine Selbstversorgergemeinschaft, die sich über die Mitglieder aus der Direktvermarktung finanzieren möchten.
Die Gärtner/innen liefern ihre Produkte wöchentlich an Abholstationen in Berlin. Die Abholstellen werden von den Stadtmitgliedern in Kiezgruppen organisiert und gepflegt. Jedem Mitglied steht regelmäßig und je nach Ernte ein bestimmter Anteil der Lebensmittel zur Abholung zur Verfügung. Im Gegenzug wird der landwirtschaftliche Betrieb von den Stadtmitgliedern finanziell und durch Arbeitseinsätze unterstützt. Es wird durch den Mitgliedsbeitrag nicht die Ware bezahlt, sondern die laufenden Kosten des Betriebs und die Kompetenzen der Gärtner/innen. Bezahlt wird das Sein und nicht das Haben.
Die Gemeinschaft Spörgelhof versucht, nachhaltig mit Mensch und Umwelt umzugehen. Sie orientiert sich an den Prinzipien der Permakultur und ist bestrebt, das Gemüse durch resiliente Produktionsketten (von der Produktion bis zur Konsumption) anzubauen.
Transparenz, abgestuftes Engagement, angepasste Größenordnung (20-30 Ernetanteile pro Gärnter/in), direkte Demokratie, ezentralisierung (frei von Agrarsubventionen), interaktive Kommunikation, Kooperation, lokales Wirken, Abkopplung der Verantwortung (nicht nur von einer Person getragen), Erfahrungs- und Bildungsräume für Klein und Groß, Zugehörigkeit, Beobachtung von Ökosystemen sind der Gemeinschaft ein Anliegen. Es werden Lebensmittel ohne regelmäßige Hilfe von Traktoren produziert. Auf dem Spörgelhof wird hierarchiearm gearbeitet. Jedes Mitglied bringt, was es kann und nimmt, was es braucht. Alle teilen sich die Ernte, die Verantwortung, das Risiko (z.B. Ernteausfälle) und die Kosten.
Auf Grundlage der gewonnenen Kenntnisse über den Arbeitsablauf in der Gärtnerei und anderen Einsatzbereichen und durch den Austausch
untereinander sollen gemeinsame Entscheidungen bzgl. der zukünftigen Betriebsausrichtung getroffen und eine Landwirtschaftsstruktur aufgebaut werden, mit der sich die Mitglieder identifizieren können.
Es soll eine Versorgungsgemeinschaft aufgebaut werden, die die Wiederbelebung und den Erhalt kleinbäuerlicher Aandwirtschaftsstrukturen ermöglicht.

Der Spörgelhof ist Teil des Netzwerkes Solidarische Landwirtschaft und will mit ähnlich wirkenden Betrieben zusammenarbeiten.
Ziele und Grundsätze sind:

1) sich ganzjährig mit Lebensmitteln zu versorgen:
Die praktische Rolle der Gärtner/innen ist es, Lebensmittel zu produzieren und zu liefern. Für die Zeit, in der der Anbau nicht möglich ist (Bodenfrost), werden Lebensmittel konserviert. Dabei werden Verfahren benutzt, die die Lebendigkeit der Produkte schonen: Dörren, Gefriertrocknen, milchsauer Einlegen, Einlagern usw.
Es wird ohne synthetische Düngemittel angebaut und auf den Einsatz von Pestiziden und Fungiziden verzichtet. Zugunsten gelebter Transparenz, Offenheit und gegenseitigem Vertrauen wird jedoch auf eine Biozertifizierung verzichtet.
2) ein hierarchiearmes Miteinander auszuüben:
Der Gemeinschaft Spörgelhof ist es u.a. ein Anliegen, Wissenshierarchien zwischen den Mitgliedern abzubauen und das Erlernen andwirtschaftlicher und sozialer Fähigkeiten zu ermöglichen. Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen.
3) eine solidarische Ökonomie zu entwickeln:
Die Stadtmitglieder werden zu Mitbäuerinnen und Mitbauern und üernehmen, ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechend, Verantwortung für den Bestand und die Weiterentwicklung des Spörgelhofs.
4) im Einklang mit Mensch und Natur zu arbeiten:
Es wird traktorenarm und nach den Prinzipien der Permakultur gearbeitet. Die Gärtner/innen bemühen sich, in geschlossenen Kreisläufen zu arbeiten, Zukäufe und Abfall zu vermeiden, Ressourcen optimal zu nutzen und in die Produktionsprozesse einzubinden. Neben der Produktion wertvoller Lebensmittel ist der Gemeinschaft Spörgelhof die Pflege der natürlichen Lebensgrundlagen Boden, Wasser und Luft, sowie die Förderung der Natur und Kulturlandschaft ein Anliegen.
5) die Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft.

Organisation
1) Selbstverwaltung:
Es wird in Selbstverwaltung und weitestgehend ohne hierarchische Strukturen gearbeitet.
2) Vollversammlung:
Die Vollversammlung ist das wichtigste Entscheidungsorgan der Gemeinschaft und findet in regelmäßigen Abständen statt. Es ist wichtig
und sehr erwünscht, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft bei den Vollversammlungen anwesend sind. Die Diskussionen der Vollversammlung werden durch die AGs und Kiezgruppen vorbereitet. Sie dient der Weiterentwicklung von Ideen für Hof und Stadt, der
gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung, der Diskussion, dem Ausblick auf zukünftige Aufgaben und den zu Beginn der Saison per Bietverfahren festzulegenden monatlichen Beiträgen. Entscheidungen bei der Vollversammlung werden per Konsens getroffen.
3) Arbeitsgruppen (AGs):
AGs können jederzeit gebildet werden und auf kurze oder lange Dauer tätig sein. Eine Mindestanzahl an Teilnehmern ist nicht orgesehen. Ziele der AGs sind u.a. die Übernahme und Durchführung organisatorischer Aufgaben, wie der Organisation des Stammtisches, sowie die Bearbeitung der im Plenum oder bei sog. Traumzirkeltagen entstandenen Themen und Vorschläge. Auch die Organisation von Festtagen obliegt den Arbeitsgruppen. Die AGs haben eine Transparenz- und Informationspflicht gegenüber den Mitgliedern.
4) Kiezgruppen:
Die einzelnen Kiezgruppen (mit 1-3 Verantwortlichen) übernehmen Organisatorisches, koordinieren die Arbeitstage der Mitglieder und die Pflege der Abholstationen. Der Informationsaustausch untereinander und die eigenständige Organisation in den Kiezgruppen sind eine nicht zu unterschätzende Entlastung für das Vorankommen des gesamten Projektes der Gemeinschaft Spörgelhof. Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen.
5) Abholstationen:
Die Lebensmittel werden wöchentlich (im Winter können Abweichungen auftreten) an die vereinbarten Abholstationen geliefert und dort aufgeteilt. Jede Kiezgruppe sorgt für das benötigte Equipment wie Schlüssel, Waage, Messer, Lappen, feuchte Tücher, Besen usw.
6) Arbeitseinsätze:
Jedes Mitglied verpflichtet sich neben der Zahlung des finanziellen Beitrags, 5-6 Arbeitstage pro Jahr der Gemeinschaft zu widmen. Davon sollten mindestens vier Arbeitstage auf dem Hof verbracht werden.
7) Eintritt und Probetag:
Vor dem Eintritt in die (Stadt-)Gemeinschaft macht sich jedes neue Mitglied mit einem Probetag ein Bild vom Feld und der Arbeitsweise der Gärtner/innen vor Ort.

Rechte und Pflichten
Rechte der Gärtner/innen:
• Endgültige Entscheidung über Anbau, Produktionsweise und Betriebsmittel.
• Anspruch auf einen angemessenen Anteil der Ernte für die Mitarbeitenden auf dem Hof
• Persönliche Entlohnung und Finanzierbarkeit geht der Investition in höhere Produktivität vor
Rechte der Stadtmitglieder:
• Wöchentliche Belieferung an die vereinbarte Abholstation (im Winter Abweichungen möglich)
• Mitgestaltung der Anbauplanung, Produktionsweise und den Einsatz der Betriebsmittel
• Einsichtnahme und Bildungsmöglichkeit in allen Produktionsabläufen auf dem Hof

Pflichten der Gärtner/innen:
• Wöchentliche Belieferung an die Abholstationen (im Winter Abweichungen möglich)
• Aufteilung der Ernte auf die Ernteanteile (Abgabe und Verkauf der Überschüsse nur solange die Finanzierung durch die Gemeinschaft noch nicht gedeckt werden kann)
• Bewirtschaften des Feldes nach den Zielen der Gemeinschaft
• Landwirtschaftlicher Lehrauftrag: Ausbildung der „Stadtbäuerinnen und Stadtbauern“
• Transparente Wirtschaftsweise, regelmäßige Infos via Email- Verteiler, Stammtisch u.a.
• Vierteljärliche Zwischenbilanz
• Maßgebliche Gestaltung, Produktionsweise, Anbauplanung und Einsatzplan der Betriebsmittel (Wissensvorsprung)
Pflichten der Stadtmitglieder:
• Regelmäßige Zahlung des monatlichen Mitgliedsbeitrages jeweils zum 28. des Vormonats (Dauerauftrag erwünscht/bevorzugt)
• Abholung der Lebensmittel von der jeweiligen Abholstation. Bei Urlaub ist für eine Ersatzabholperson zu sorgen oder dem Hof mindestens mit zweiwöchigem Vorlauf Bescheid zu geben, dass der EA nicht geliefert wird.
• 5-6 Arbeitseinsätze pro Jahr, davon mindestens 4 auf dem Hof, die anderen in AGs oder in Kiezgruppen/Abholstationen
• Teilnahme an den Vollversammlungen
• Austritt: die Kündigung der Mitgliedschaft ist mit zweimonatiger Frist zum Ende des Wirtschaftsjahres möglich. Falls innerhalb des Jahres eine Kündigung erfolgt, so hat das Mitglied für Ersatz zu sorgen

Finanzen
1) Monatliche Beiträge:
Durch die regelmäßigen Beiträge werden nicht die Waren bezahlt, sondern die laufenden Kosten des Betriebs und die Kompetenzen der
Gärnter/innen. Die monatlichen Beiträge des Wirtschaftsjahres werden bei der Vollversammlung per anonymem Bietverfahren festgelegt. Reicht die Summe nicht aus, wird erneut geboten (Richtwert = Jahreskosten/Mitgliederanzahl). Nach Wunsch kann im Laufe des Jahres ein höherer Betrag entrichtet werden. Spenden sind natürlich willkommen und ermöglichen Investitionen und Instandhaltungen.

2) Fälligkeit der Beiträge:
Jeweils zum 28. des Vormonats (per Dauerauftrag).

3) Ermäßigte Beiträge:
Wer weniger bezahlen kann oder will, ist gebeten, nach Möglichkeit mehr auf dem Hof zu helfen. Entscheidungen über ermäßigte Beiträge werden im Plenum getroffen. Die Kosten für Menschen mit weniger Geld und/oder Zeit, sowie Menschen mit Behinderungen werden von der gesamten Gemeinschaft getragen. Die Aufnahmekapazität für solche Menschen wird in den Plenen diskutiert.

4) Ernteausfälle, Urlaub und Austritt:
Mögliche Ernteausfälle können sich auf die Größe der Ernteanteile auswirken, berechtigen allerdings nicht zur Aussetzung oder Rückforderung der Mitgliedsbeiträge. Urlaub berechtigt nicht zur Zahlungsunterbrechung. Bei Austritt eines Mitgliedes sucht dieses entweder nach Ersatz, trägt die Kosten selbst weiter oder übergibt diese in Absprache mit der Verantwortungsperson der Kiezgruppe der Gesamtgemeinschaft.

5) Investitionen:
Investitionen werden nach Bedarf und Kapazität der Gemeinschaft finanziert. Entscheidungen über Investitionen werden im Plenum getroffen.

Anbau
Die Gärtner/innen sind für den Anbau verantwortlich. Eine ganzjährige Obst und Gemüseversorgung wird angestrebt. Es wir ohne regelmäßige Nutzung fossiler Rohstoffe angebaut. Im Normalfall werden ausschließlich samenfeste Gemüsesorten angebaut (keine genetisch veränderten Organismen oder F1-Hybride). Es wird angestrebt, alles Gemuüse selbst großzuziehen (direkte Aussaht oder mit Hilfe des Anzuchthauses). Bei einigen Kulturen werden nach Möglichkeit die Samen selbst gewonnen (Kürbis, Zucchini, Bohnen, Paprika, Tomaten, Gurken, einige Salate und Möhren). Ziel dabei ist es, Erfahrungen zu sammeln, selbständig zu werden und die Pflanzen „lebendig“ zu halten. Es werden bevorzugt mehrjährige Kulturen angebaut (Sträucher, Karde, Spargel, Erdbeeren, Winterheckzwiebeln, Rhabarber, verschiedene Kräuter, ewiger Kohl, Wildkräuter usw.). Gründe hierfür sind ein schonender Umgang mit dem Boden, höherer Nährstoffgehalt und die frühere Ernte von Gemüse im Jahr. Ein- und zweijährige Pflanzen werden möglichst mehrjährig gehalten, bzw. es wird eine Selbstaussaat angestrebt. Hierbei geht es um die Reduzierung von Arbeitsprozessen und einen von den Gärtner/innen möglichst „unabhängigen“ Garten. Das Feld ist in vier Hauptkulturen geteilt: Frucht, Blatt, Blüte und Wurzel. Es wird versucht, undogmatisch diese vier Kulturen zu rotieren. Alte Gemüsesorten werden nicht zuletzt zu Gunsten des Geschmacks und der Gesundheit bevorzugt.
Die Bodenfruchtbarkeit wird durch die Methode der „mikrobiellen Carbonisierung“ (Walter Witte) gewährleistet. Ziel dieser Methode ist u.a., die Entweichung von CO2 zu minimieren und Kohlenstoff im Boden zu speichern. Kurzbeschreibung der Methode: es wird unter Sauerstoffabschluss kompostiert; die Kompostierung dauert 6-8 Wochen. Als Materialien werden ligninhaltige, organische (Stroh, Heu, geschreddertes Holz usw.) und fäulnisfähige Stoffe (Gülle, Mist, Speisereste usw.) im Verhältnis 3 zu 2 verwendet (auch Grund- und Cosubstrat genannt). Der fertige Kompost wird oberflächlich eingearbeitet (max. 10 cm Tiefe) und der Boden im Anschluss festgewalzt um anoxische Bedingungen zu schaffen. Unkrautregulierung wird bei trockenem Wetter durch Hacken, bei feuchtem Wetter durch Jäten vorgenommen. Für die Schädlingsregulierung kommen nur mechanische oder natürliche Maßnahmen in Frage. Mineralische Dünger oder chemische Pflanzenschutzmittel werden grundsätzlich abgelehnt. Es werden zwei kleine Experimentalflächen angelegt. Eine für die
Saatgutvermehrung und die andere , um verschiedene Anbaumethoden auszuprobieren (wie ein Wildnisgarten o.a.). Die Gemüsebeete sind entlang der Höhenlinien angelegt worden, um Wasserretentionen zu erhöhen und Bodenerosion zu vermeiden. In regelmäßigen Abständen sind sogenannte „Swales“ angelegt. Dort werden mehrjährige Sträucher, Blumen und Kräuter angebaut. Die Form des Gartens will letztendlich in Harmonie mit dem Gefälle sein. Außer Neigung werden auch mikroklimatische Faktoren, Bodenbeschaffenheit und die Sonneneinstrahlung beim Anbau berücksichtigt.